Jan Hus, die Hussiten und die Schlacht von Hiltersried

Autor: Peter Pauly

Das Neunburger Festspiel "Vom Hussenkrieg" basiert auf einem historischen Hintergrund,der Schlacht bei Hiltersried am 21.September 1433. Es ist die einzige größere Schlacht,in der die Hussiten geschlagen wurden.

Die hussitische Reformation und Revolution hatten mehrere Ursachen:Religiöse, soziale, nationale und politische. 1415 wird Jan Hus, Oberhauptder Bewegung, auf dem Konzil von Konstanz verbrannt. 1419 beginnen diefurchtbaren Hussitenkriege: Kreuzugsheere ziehen nach Böhmen, die Hussitenfallen in die Nachbarterritorien ein. 1433 wird die katholische Stadt Pilsenbelagert, ein Teilkontingent des Belagerungsheeres zieht in die Oberpfalz,um zu fouragieren. Es wird bei Hiltersried durch ein Heer des PfalzgrafenJohann aus dem Hause Wittelsbach geschlagen. Erst 1434 besiegt ein gemäßigteshussitisches Heer die radikalen Hussiten. Die Gemäßigten schließen Frieden mit Reich und Kirche.

Was soll in dieser Abhandlung dargestellt werden?

Das Festspiel"Von Hussenkrieg", das seit 1983 Jahr für Jahr in Neunburg vorm Wald aufgeführt wird,und das Festspiel in Pilsen, das im Juni 1995 uraufgeführt wurde,basieren beide auf demselben historischen Hintergrund: Die hussitische Bewegung und die Belagerung der böhmischen Stadt durch die hussitische Gesamtstreitmacht  unter Prokop, er sandte 1433 ein Heer in die Oberpfalz zum Beutemachen,  die übliche Form der Versorgung in diesen Tagen.

Dieser Teil der Geschichte soll dem Leser näher gebracht werden.Außerdem haben die Änderungen in Böhmen und die Grenzöffnung haben das Interesse an dergemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte erwachen lassen.

Quellen und Literatur

Neben vielen kleineren verstreuten Nachrichten geben uns vier Hauptquellen genauere Auskunft über die Schlacht.Ein Schlachtteilnehmer, Ott Ostmann aus Nabburg, konnte, bevor er seinen Verwundungen erlag, ein Gedicht verfassen: "Vom Hussenkrieg ein gesang". Dieses Lied gibt bei genauem Hinsehen detaillierte Angaben über die Geschehnisse vor der Schlacht und über ihren Verlauf.

Der Landesfürst, der die Schlacht anordnete,der Wittelsbacher PfalzgrafJohann stiftete nach der Schlacht einen Gedenkgottesdienst mitProzession; die vorzunehmenden Feierlichkeiten, die Namen derGefallenen und die einiger wichtiger adliger Mitstreiter waren auf einem "Gedächtniszettel" verzeichnet, diese Aufzeichnungen wurden später für eine hausinterne Gerichtsverhandlung der Wittelsbacher abgeschrieben, und so blieb ihr Inhalt erhalten.

Der kurze Bericht des Andreas von Regensburg in der "Chronica Baioariorum" wurde offensichtlich unmittelbar nach der Schlacht verfasst.

Eine neuentdeckte Quelle, der zeitgenössisch Kupferstich aus dem Louvre mit dem Titel "Die Grosse Schlacht" zeigt nicht nur, wie wichtig die damaligen Zeitgenossen den einzigen Sieg über die Hussiten nahmen, er verdeutlicht auch die Rolle des Schlachtenlenkers in der Pfalzgraf Johann sich sah;  der Stich erzählt uns in Form einer fortlaufenden Bildergeschichte die   Ereignisse, nicht fotografisch genau, sondern so gefärbt, wie der  Auftraggeber sie sah; das Bild gibt darüber hinaus wichtige Hinweise über Bewaffnung und Bekleidung im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts.   Erstaunlich genug aber am Bildnis, dass in der ritterlichen Welt des  ausgehenden Mittelalters der Krieg in seiner entsetzlichen Form dargestellt wird: Jeder tötet jeden, Leichenfledderer durchstreifen das Schlachtfeld nach Beute, und verstümmelte Leichen werden von Kötern angefressen. Mit ergreifendem Realismus werden die Greuel dargestellt.

Bisher wurde meines Erachtens keine bessere Arbeit über die Schlachtverfasst als das Buch von Dr. Karl Winkler "Die Schlacht bei Hiltersried im Jahre 1433", wenn man von der vom Zeitgeist geprägten Einleitung absieht

Die hussitische Bewegung und die Voraussetzungen für die Schlacht

Ohne Zweifel: die mittelalterliche Kirche hat grosse Leistungen vollbracht;die Kirche spannte das "soziale Netz"; sie baute die grandiosen Kathedralen,die Theologie in Stein versinnbildlichten; Bildung und Kultur wurden hauptsächlich durch die Kirche getragen; Religiosität durchdrang das gesamte Leben und gab den Menschen Sinn, Halt, Trost und Hoffnung.  Wir, die wir uns anschicken, das Christentum zu entlassen und  allenfalls nur noch "den Geruch der leeren Flasche wahrnehmen",  können uns die Fülle des Kirchlichen dieser Zeit kaum noch vergegenwärtigen.  

Dennoch, wir können uns aber auch kaum noch die Auswüchse der Kirche vorstellen. Oft "regierten" mehrere Päpste, die mit kirchlichen Sanktionen weltliche Politik trieben; so exkommunizierten die Päpste ihre Gegenpäpste und deren Anhänger gegenseitig, bis die gesamte Christenheit von irgendeinem Papst exkommuniziert war. Menschen wurden von ihren Eltern in den Dienst der Kirche gezwungen, und es nimmt nicht Wunder, dass die so "versorgten", in ihrem Amt nur die eine Möglichkeit verwirklichten, gut zu leben. Wie alle Hierarchien neigte  auch die kirchliche dazu, sich starr, unbeweglich und hart zu geben. 

In der Christenheit machten sich Strömungen bemerkbar, die solche und andereMissstände beseitigen wollten, die ihren Christus unter der Schuttmasse von Worten,Talaren, Bildern, Bauwerken und Lieblosigkeiten wiederentdecken wollten.Der Ruf nach Reformen wurde immer lauter, und diese Strömungen trieben diehussitische Bewegung am stärksten an.  

Aber auch die Vormachtstellung der Deutschen in Böhmen, die fehlende Möglichkeitder Tschechen, im kommunalen Leben politisch handeln zu können, und die Armut auf dem Lande trieben die Umwälzungen voran.  

Das geistige Haupt der reformatorischen Bewegung, Jan Hus, wurde 1415 auf dem Konzil zu Konstanz verbrannt. 1419 begann die offen Erhebung gegen den böhmischen König  aus den Hause Luxemburg und gegen die Kirche. König Wenzel IV.hatte zwar zunächst  die Reformbewegung unterstützt, als aber die Forderungen immer mehr radikalisiert   worden waren, hatte er Hus und seine Anhänger fallengelassen. 1419, im Jahre der   offenen Erhebung, starb Wenzel. Sein Bruder der deutsche König Sigismund, wollte    nun sein Erbe, das Königreich Böhmen, übernehmen, der Krieg begann. Ein Heerzug nach dem anderen zog nach Böhmen, und ... wurde geschlagen. Bald fielen die    Anhänger des Jan Hus, die Hussiten, in die Nachbarländer ein. Dazu veranlassten    sie mehrere Gründe. Hauptsächlich musstendie hussitischen Heere versorgt werden, man machte also Beute.Die Böhmen wollten aber auch ihre Ideen "internationalisieren", ihre Ideen verbreiten. In vielen deutschen Städten und kleineren Gemeinden gab es Anhänger der hussitischen Bewegung. Das Lodern der Scheiterhaufen zeigte, wie sehr Kirche und Fürsten die neue Unruhe fürchteten.  

Dabei verkörperte die Bewegung nicht einen "ideologischen Einheitsblock"; sondern wie bei jeder Revolution bewegten sich politische, nationale, soziale und religiöse Ideen, Interessen und Vorstellungen nebeneinander, miteinander und gegeneinander. Zum Teil wurden Gegensätze mit Feuer und Schwert ausgetragen.Also auch Bürgerkrieg! Man katalogisiert heute die Hussiten grob in Radikaleund Gemässigte. Zwar wird dieses Schema der hussitischen Vielschichtigkeitnicht gerecht, es hilft uns aber, Ordnung in dem Chaos zu sehen. Die Radikalenerstrebten ein einfaches, priesterloses Christentum in brüderlicher Gleichheit,sie radikalisierten auch ihre moralischen Forderungen; Nichttschechen wurden in ihren Reihen willkommen geheissen. Die Gemässigten wollten die Vormachtstellung der Deutschen brechen, die kirchliche und die weltliche Hierarchie sollten weiter  bestehen, sie sollten aber ihre Abhängigkeit von Rom und vom Reich verlieren.  Wir erkennen, dass die Gegensätze der Hussiten früher oder später zur offenen  Auseinandersetzung führen mussten. So schlugen am Ende auch nicht äussere Feinde  die Hussiten, sondern sie selbst vernichteten sich 1434 in der  Schlacht von Lipan (s.u.). Bis dahin aber hielt sie der gemeinsame Gegner zusammen.  

So auch vor Pilsen. Pilsen, die reichstreue und katholische Stadt,wurde ab Sommer 1433 von einer hussitischen Gesamtstreitmacht unterProkop dem Kahlen oder dem Grossen belagert. Mit dieser Belagerungübten die Böhmen Druck auf das Konzil von Basel aus.  

Am meisten gefährdet war jetzt die Oberpfalz und zwar der Herrschaftsbereich desPfalzgrafen Johann, der "Neunburger und Neumarkter". Er rief um Hilfe, nach Amberg, nach Straubing und nach Nürnberg, denn der Einfall der Hussiten war nur noch eine Frage der Zeit. Als die Hussiten dann tatsächlich angriffen, sandte nur sein Schwager aus Straubing ein Kontingent nach Neunburg, aber das kam zu spät.  

Am 16. September schickte Prokop den Feldhauptmann Johann Pardus mit einem Teil desBelagerungsheeres zum Beutemachen in die Oberpfalz. Aus Taus stiess Jan Rzitka miteinem Kontingent der wehrhaften und gefürchteten Choden dazu.

Die Wagenburg

Wir hörten, dass die Hussiten ein Reichs- und Kreuzzugsheer nach dem anderen schlugen. Wie gelang ihnen das? Zunächst beseelten sie revolutionärer Ernst und religiöse Energie. Daneben verhalf ihnen aber auch die Taktik der Wagenburg zu den Siegen. Jan Zizka, ihr genialer Feldherr, verzagte nicht an der geringen Zahl von eisenbewehrten schweren Reitern in ihren Reihen. Er entwickelte die Wagenburg zu einem Instrument  des Sieges weiter. Wagen wurden an den Seiten mit dicken Holzbohlen verstärkt und boten so Schutz gegen jedes Büchsen- und Armbrustfeuer. Aus diesen Wagen bauten die Verteidiger auf Anhähen rechteckige oder ovale Wagenburgen. 

Meist fuhren sie dabei zu mehreren Mauerringen aus Karren auf. Beim Zusammenfahren konnten die Hussiten am ehesten geschlagen werden, deshalb musste schnell aufgefahren werden;  dazu kennzeichneten sie das erste Fuhrwerk einer Wagenzeilen mit Fahnen, so dass jeder Wagenführer wusste, wo er sich einzuordnen hatte. Eingänge an den Schmalseiten wurden durch Setzschilde und Fusssoldaten gedeckt. Das Gelände vor den Wagen verstärkten die Verteidiger mit Gräben, Palisaden, Balken oder Stolperhindernissen. Wenn die ritterlichen Heere angriffen, eröffneten die Böhmen Salvenfeuer und fegten die Reiter kraft ihren gefürchteten mit Eisennägeln beschlagenen Dreschflegeln von den Pferden, wenn sie an die Wagen herangekommen waren.Gelang es den Angreifern in die Ordnung der Wagenburg einzubrechen, kamen sie vom Regenin die Traufe, jetzt droschen die Hussiten von vorne und hinten auf sie ein.Wandten die Feinde sich zu Flucht, öffneten die Hussiten die Tore und fielen mit derinnerhalb der Wagenringe bereitgehaltenen leichten Reiterei den Fliehenden in den Rücken.Den Rest übernahm das Fußvolk.

Pfalzgraf Johann "flagellum Hussitarum", die Hussitengeißel

Herrscher des Teils der Oberen Pfalz, der am meisten unter der hussitischen Bedrohung zu leiden hatte, war - wie gesagt - Pfalzgraf Johann. Er soll hier vorgestellt werden.1400 wurde der deutsche König Wenzel aus dem Hause Luxemburg in einemsensationellen Verfahren wegen Vernachlässigung seiner Herrscherpflichtenvon einem Teil der Kurfürsten abgesetzt. Zum Nachfolger wählten sie einen Wittelsbacher, nämlich Pfalzgraf Ruprecht, der bis 1410 lebte. Johann, der zweite Sohn dieses deutschen Königs, war 1383 in Neunburg vorm Wald geboren worden. Seine Mutter war eine Hohenzollern.

Johann mußte von 1404 bis 1410 das Kurpräcipuum regieren,das waren die Gebiete, die zur Kurpfalz gehörten und in derOberen Pfalz lagen. Von Räten unterstützt waren es Lehrjahreim Regieren für den jungen Pfalzgrafen. Ruprecht liebte - nachalter Legende - von seinen Söhnen Johann am meisten, dies schloßaber nicht aus, daß er sich, was sein Erbe anbelangte, korrektund den Regeln der Zeit gemäß verhielt: Der ältere Sohn,Ludwig III. (der Bärtige), erhielt den Löwenanteil: Die Kurpfalzmit der Kurwürde und die Gebiete in der Obern Pfalz, die von Ambergaus regiert wurden. Johann erbte die Hauptmasse der pfälzischenGebiete in der Oberpfalz. An Stephan, den dritten der Brüder, gingSimmern-Zweibrücken. Der jüngste der Söhne, Pfalzgraf Otto, bekamdie Herrschaft Moosbach. Die Herrschaft Johanns bestand aus zerstreuten Gebieten, die von der böhmischen Grenze bis vor die Tore Nürnbergs reichten und von Bärnau bis Regensburg.

Die Politik Johanns war von folgenden Leitlinien geprägt: Erstens vorbehaltlose Unterstützung des Königs Sigismund, der seinem Vater als König gefolgt war; diese Unterstützung erfolgte, trotzdem der Luxemburger (der zugleich König über Ungarn und Böhmen war) als Herrscher zunächst nicht allgemein anerkannt wurde. Zweitens Kampf gegen die Hussiten; dieser Kampf dürfte den größten Teil Johanns Energie gekostet haben. Drittens Vergrößerung und Abrundung seiner Macht; da es dabei auch um das Durchsetzen vermeintlicher oder tatsächlicher Rechtsansprüche dem älteren Bruder gegenüber ging, und da Ludwig den Ehrgeiz Johanns fürchtete, herrschte ständig Spannung zwischen den beiden. Überhaupt ging Johann beim Abrunden  seiner Macht - dem Brauch der Zeit gemäß - nicht zimperlich vor; dennoch hielten  sich bei Johann die zeitüblichen Fehden um eine "Handvoll Erde" in Grenzen. Seine Aufgaben führte Pfalzgraf Johann von wechselnden Residenzen aus durch:Sulzbach, Neumarkt oder Neunburg.

Ehe und Liebe

Aus dynastischen Gründen heiratet Johann 1407 Katharina, die um 1390 geborene Tochter des Herzogs von Pommern-Stolp. Sie starb 1426. Ein Sohn aus dieser Ehe, Christoph, sollte später König der skandinavischen Reiche werden.

1428 heiratete Johann ein zweites Mal, diesmal die fünfundzwanzigjährige Beatrixvon Bayern-München.

Was verbirgt sich hinter diesen kalten Daten? Es spricht vieles dafür, daß die EheJohanns mit Katharina glücklich war, obwohl sie von "Politikern" gestiftet worden war. Die Eheleute hatten sechs Kinder(von denen allerdings nur Christoph das Erwachsenenalter erreichte). Von beim Hochadel dieser Zeit nicht selten zu hörenden  Liebschaften oder Bastarden ist nichts zu hören. Katharina sollte und wollte ursprünglich in ein Birgittenkloster eintreten, da dies durch ihre Ehe nicht mehr  möglich war, stiftete Johann das Birgittenttenkloster Gnadenberg; er hätte sich  sicherlich von den hohen Kosten drücken können, aus Liebe zu seiner Frau führte er  das für sein kleines Fürstentum überaus teuere Unternehmen aber zu Ende.

Auch seine zweite Ehe scheint von Zuneigung oder Liebe geprägt gewesen zu sein.Beatrix stammt aus dem Münchner Zweig der Wittelsbacher, sie war die Schwester jenesHerzogs Albrechts, der heimlich Agnes Bernauer heiraten würde. Beatrix hatte 1424etwa einundzwanzigjährig Hermann III. von Cilli geheiratet, damit wurde sie Schwägerindes deutschen Königs Sigismund. Denn der war mit der Schwester ihres Mannes, Barbaravon Cilli, verheiratet, die schon zu Lebzeiten von den Habsburgern verleumdet wordenwar, und deren Ruf unberechtigterweise auch in der heutigen Geschichtsschreibung noch"schillernd" ist. Die Cillis waren ein aufstrebendes Adelsgeschlecht aus Untersteier,das sich durch Treue zum deutschen Herrscher auszeichnete. Ihr Wappen ist heute nochim Staats-Wappen von Slowenien zu finden.

Schon 1426 war Beatrix Witwe geworden. Johann und Beatrix waren also beide verwitwet,dynastische Vorteile bei einer Eheschließung sind wenige zu erkennen, beide kannten sich, es handelte sich bei ihnen also nicht um eine "dynastische Zwangsehe", sondern sie scheinen aus freiem Entschluß 1427 die Ehe eingegangen zu sein.

Wir sind heute gewohnt, das Drama der Agnes Bernauer aus deren Sicht zu bewerten.Deshalb befremdet es uns, Beatrix als eine Gegnerin der bürgerlichen Schwägerin und als harte Mahnerin ihres Bruders Albrecht zu sehen. Was mag die Pfalzgräfin zu dieser  Strenge bewogen haben? 1425 war der letzte Sraubinger Herzog (ein Wittelsbacher) ermordet worden, der Straubinger Erbfolgestreit folgte und wurde erst 1429 beigelegt. Die Münchner Wittelsbacher erwarben den besten Teil aus der Straubinger "Erbmasse". 1432 oder 1433 heiratete Albrecht die bürgerliche Agnes, die Kinder aus dieser standesungleichen Ehe durften nach damaligem Recht nicht Herzöge werden; die - wenn auch heimlich geschlossene - Ehe zwischen Agnes und Albrecht konnte von der Kirche aber auch nicht mehr geschieden werden. Wer sollte Erbe werden? Den nächsten Kräfte und Blut kostenden Erbstreit unter den Wittelsbachern konnte Beatrix also absehen. Auch den Justizmord an der Bernauerin wird sie vorausgeahnt haben: Friedrich, der Bruder ihres ersten Mannes, hatte sich ebenfalls in eine morganatische Ehe mit Veronica von Deschnice eingelassen. Die Cillis lösten 1425 das Problem in einem mit einem Justizmord endenden "Hexenprozeß", der den Wittelsbachern dann als "Anleitung" für das Verfahren gegen die Bernauerin diente. Dies alles mochte Beatrix dazu bewegen, zu versuchen, ihren Bruder "zur Vernunft" zu bringen. Trotz dieser strengen Kritik aus der Oberpfalz versuchte Albrecht aber, seinen Schwager Johann gegen die Hussiten zu unterstützen.

Treue, Tapferkeit, Ehre und Jähzorn

Die Treue war im Mittelalter eine hoch angeseheneTugend, in der Theorie jedenfalls; in der Praxis war das Wechseln der Fronten geradebei Adligen eher gängig. Bei den häufigen Fehden, bei der Möglichkeit, durch dieUnterstützung eines anderen Fürsten größere Vorteile zu erlangen als bisher, unddurch rechtzeitiges Imstichlassen eines Mannes, bei dem sich der Niedergang ankündigte, konnte man geschickt hin und her taktieren. Nicht so Johann: Er und die Cillis blieben dem Luxemburger Sigismund (der später Kaiser wurde) treu - auch in dessen finsteren Tagen. Allerdings ergaben sich für Johann auch handfeste Vorteile, so etwa wenn ihm der Kaiser Unterstützung gegen seinen Bruder Ludwig zusagte.

 Johann galt als tapfer. Er war einer von denen, die gerade in ausweglos scheinenden Situationen die Ruhe bewahren und über sich selbst hinauswachsen konnte.

Für den mittelalterlichen Adligen heißt Ehre vor allen Dingen Großzügikeit, Reichtumund Ansehen. So erstaunt es nicht, daß Johann seine Erfolge der Nachwelt überliefernwollte. Sein größter militärischer Sieg war der Sieg über die Hussiten in der Schlachtbei Hiltersried. Im Louvre in Paris ist einer der ersten deutschen Kupferstich mit dem Titel "La grande bataille" (Die große Schlacht) erhalten. Er wurde um 1435 in Regensburg gestochen, kam über die jüdische Familie Rothschild von Nürnberg nach Paris, dort in den Louvre. Erst 1992 stellte ein Kunsthistoriker wieder fest, daß es sich bei dieser "großen Schlacht" um die Schlacht von Hiltersried handelt. Johann ließ also seinen Ruhm in dem damals modernsten Vervielfältigungsverfahren künden.

Getrübt wird das Charakterbild Johanns von seinem mehrfach überlieferten maßlosen Jähzorn. So schleuderte er zum Beispiel bei der Schlacht von Tachau den adligen Mitstreitern die päpstliche Fahne vor die Füße, weil er sich über deren Neid ärgerte.  Eine ungeheure Geste zu dieser Zeit: die Fahne im Dreck.

 Sein Glaube und die Hussiten

Johann wird ähnlich gedacht haben wie sein König. Sigismund hatte die hussitische Bewegung zunächst nicht ohne Sympathie beobachtet. Auch die Hussiten deckten Fehler auf, die der König im Konstanzer Konzil behandelt sehen wollte; der Herrscher beabsichtigte sogar zunächst, mit Jan Hus an seiner Seite auf dem Konstanzer Konzil  zu erscheinen. Sigismund wollte die Kirche erneuern. Johann wird ähnlich gedacht haben.   Mit der Gründung des Birgittenklosters zeigt er sich auf der reformfreudigen Seite   der Kirche. Doch sind auch Unterschiede zum Denken seines Herrschers zu erkennen:   Der Luxemburger dachte bei seinen Maßnahmen in Sachen Kirche wohl eher politisch,   nämlich an die Einheit seines Reiches, Johann handelte aus tiefer Gläubigkeit.   Immer wieder wird dies berichtet; er betete wie ein Priester, legte sich aus Demut    mit ausgebreiteten Armen vor den Altar und damit vor Gott nieder.

In Konstanz wurde ein Allgemeines Konzil der Christenheit zur obersten Instanz der Kirche erklärt. Nachdem diese Instanz Hus verurteilt hatte, noch mehr aber, als die hussitische Bewegung gewaltsame revolutionäre Züge annahm, und die Hussiten sein Territorium bedrohten, wurde Johann zum Gegner der böhmischen Bewegung. Er ließ den Freund des Jan Hus, Hieronymus von Prag, festnehmen. Er beteiligte sich an allen Heer- und Kreuzzügen nach Böhmen. Nur 1422 meldete er sich vom Kampf um die Burg Karlstein ab, weil er in die Obere Pfalz zurückkehren musste: Die ritterlichen Horden des Bischofs von Würzburg nämlich waren nicht mit dem Kreuzzugs-Heer nach Böhmen geritten, sondern zogen statt dessen raubend und mordend durch das Land und mussten  vertrieben werden. Und Johann war der einzige, der die Hussiten mehrfach besiegte:  Beim Entsatz von Bischofteinitz 1422; 1426 errang er bei Klattau einen Erfolg; 1427  verhinderte er bei Bernau nach der verlorenen Schlacht von Tachau eine Katastrophe;  1429 schlug er ein Hussitenkontingent zurück, das bis vor Neunburg vorgedrungen war;   1433 besiegte er die Hussiten bei Hiltersried; 1434 war er daran beteiligt,   den Belagerungsring vor Pilsen zu durchbrechen, um die Stadt zu versorgen. Man   gab ihm den Beinamen "Die Hussitengeißel." Dennoch war Johann einer der wenigen,   der sich für einen Kompromißfrieden mit den Hussiten aussprach.  

 Den Tod erwarten

Als es ans Sterben ging, begab Johann sich in das Kloster Kastl, um wohlvorbereitet und mit seinem Gott versöhnt den Tod zu erwarten. Er starb dortam 14.März 1443. Beigesetzt wurde er in der Georgskirche zu Neunburg vorm Wald. Ein Teil der schlichten Marmorplatte, die sein Grab bedeckt hatte, ist heute an der Südseite der Kirche (jetzt Josefskirche) angebracht. Ihm zu Ehren wurde noch 1983, anläßlich des Pfalzgraf-Johann-Jahres in dieser Kirche ein Gedenkstein gesetzt.  Beatrix überlebte ihren Gatten um vier Jahre. Sie wurde im Kloster Gnadenberg  beigesetzt, wo schon Katharina beerdigt worden war.

Das pfalzgräfliche Heer

Zurück nach Neunburg in das Jahr 1433. Das Ritterheer des Hochmittelalters, in dem der schwere mit Eisenrüstung geschützteReiter allein den Kampf entschieden hatte, hatte dem Heer aus verschiedenenTruppengattungen Platz gemacht. Neben Rittern kämpften leichte Reiter, Armbrustschützenstanden neben Büchsenschützen, berittene Schützen und Artillerie schossen auf den Gegner. In der Schlacht von Tannenberg 1410 sehen wir deshalb den polnischen König die einzelnen  Truppenkörper vom "Feldherrenhügel" aus führen, während sein Gegner, der Hochmeister  des Deutschen Ritterordens, sich als "Eppocheverschlepper" mit gezücktem Schwert ins  Kampfgetümmel wirft und die Übersicht verliert.Ein Heer dieser Zeit konnte sich aus fünf Teilen der bewaffneten Macht zusammensetzen:

  • Adlige Lehnsleute des Herrschers mit ihrem adligen und nichtadeligen Gefolge;
  • "Diener von Haus aus", d.h. Nichtlehnspflichtige mit denen der Herrscher Dienstverträge abgeschlossen hatte;
  • Fussvolk und Artillerie aus den Städten und Märkten;
  • das "Landaufgebot" der Bauern;
  • berittene und unberittene Söldner.

Die Bürger und Bauern durften in der Regel nur zu Verteidigung des Landes eingesetztwerden, nicht aber zu einem Kriegszug in ein fernes Land oder in einem der vielenFehden; die Einsatzdauer außerhalb der Mauern war auf einen oder wenige Tage befristet. Die Kontingente der Kommunen waren zahlenmässig verbrieft, sie bestanden aus einem Teil der männlichen Bevölkerung, der mit steigender Gefahr erhöht werden konnten. Es musste aber sicher gestellt bleiben, dass die Verteidigungsfähigkeit der  Befestigungsanlagen erhalten blieb, und dass die Landwirtschaft weiter produzierte.  Waffen und Wehrfähigkeit wurden von Amtspersonen im Auftrag des Herrschers ständig  überprüft, in unserem Fall von dem Adligen Hans Egerer.Mit großen Mühen stellte Herzog Johann sein Heer auf. Es setzte sich zusammen aus:200 schweren Reitern, adligen und nichtadeligen; aus etwa tausend Bürgern undBauern aus den Dörfern und Städten, davon trugen zwei Drittel Stangenwaffen undein Drittel Büchsen und Armbrüste. Das Fußvolkes führten Rinold, Pfleger zu Bruck,und sein Vetter Georg Pladeckh. Der Schützenhauptmann schrieb sich Georg Heyrausvon Stockenfels. Das Panier trug der Ritter Wilhelm Paulsdorfer (Paulsdorf bei Amberg). Als oberster Hauptmann führte Hindtschi Pflueg von der Schwarzenburg das Heer. Diese Tatsache erstaunt uns in zweierlei Hinsicht: Zum ersten führte damit kein direkter Vasall des Pfalzgrafen das Heer, sondern ein "Diener von Haus aus" (s.o.), denn die Schwarzenburg bei Rötz lag nicht im Herrschaftsbereich des Pfalzgrafen. Der Streit mit einem darüber gekränkten Lehnsmann des Landesherren ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Zum zweiten führte der Pfalzgraf nicht persönlich in der Schlacht. Dies erstaunt umso mehr, als Johann sich stets als unverdrossener, tapferer Ritter gezeigt hatte. In dem Theaterstück "Vom Hussenkrieg" heisst es einmal, dass Johann aus politischen Gründen der Schlacht fernblieb. Dies wäre zwar ausgesprochen vernünftig gewesen, denn wer sollte die  Hussiten und die raffgierigen "Vettern" nach einer verlorenen Schlacht aufhalten,   wenn nicht Johann? Er war aber nicht der Mann, der je als "politische Persönlichkeit"   einer Schlacht fernblieb. Er hatte die Schlacht angeortnet, er erschien nach dem Kampf    auf dem Schlachtfeld. In einer zeitgenössischen Quelle heisst es, die Vasallen     "verboten" ihm, in der Schlacht mitzukämpfen. Vielleicht machte hier der Ritterbund     der Einhörner seinen EInfluß geltend. Bedenken muß man auch,     dass Johann als alter, kranker Mann eine untragbare Belastung für das zahlenmässig      unterlegene Heer darstellte. Zu seinem Schutz hätten zusätzlich Reiter abgestellt       werden müssen, und davon standen ohnehin nicht genügend zur Verfügung